Das Anbahnungsgespräch
Die Kammen GmbH hat vorgestern einer Kontaktaufnahme über LinkedIn zugestimmt. Trotz unserer Referenzbemerkung (über einen Aufsatz von ihnen) haben sie nicht inhaltlich geantwortet. Per Mail erhielten wir die automatische Aufforderung des Portals, uns bei der Kammen GmbH zu melden und in ein Gespräch einzutreten.
Wir wissen in diesem Fall also, dass das Anbahnungsgespräch schriftlich beginnen wird.
Unser Text lautet (3 Tage später, 7.50 Uhr):
“Hallo Herr Barow, danke für Ihre Antwort. Wir haben soeben für unsere mittelständischen Mandanten – speziell aus dem Baugewerbe – die neue Rechtsprechung zur “Scheinselbständigkeit im Internationalen Vertrieb” in einer kurzen to-do-list erklärt. Getreu dem Vorbild der “alten Ägypter, die fertig geschnitzte Steinblöcke zum Standort der Pyramiden geschafft haben”, freuen wir uns, wenn sie Ihnen dient.
Herzliche Grüße, RA Dr. Bernd Bergmann, tel 030 1234567-890
Diese Regeln haben wir bei dieser Kontaktaufnahme beachtet:
1. Strategie
Grundregel: Wir erscheinen niemals interessierter als der zukünftige Kunde. Demut, Empathie und Kalkül heißen unsere Begleiter beim Erstkontakt. Wir melden uns daher nie sofort, sondern lassen 2 – 3 Tage verstreichen – nach dem coolen Motto “We would like to have you but we do not need you.”
2. Perspektive
Spätestens ab jetzt betrachten wir unsere Aktionen ausschließlich aus der Sicht des Targets.
So vermeiden wir, dass wir die Ansprechpartner nerven.
Wir sorgen dafür, dass durch den Kontakt mit uns ihr Nutzen dominanter ist als ihre Störung.
3. Rolle
Wir werden das Mandat nicht bekommen, wenn wir nicht realistisch einschätzen, wer wir sind – und wenn unser Auftritt sich nicht in allem unterscheidet, was der Mitbewerb veranstaltet.
Aus Sicht des Targets ist derzeit alles zweitrangig oder gänzlich unwichtig, was wir tun (oder unterlassen), denn wir
– sind sicher nicht die Einzigen, die sich ungefragt bei der Kammen GmbH melden, um mit ihnen eine Geschäftsbeziehung zu erreichen
– sind derzeit nicht einmal Lieferant, schon gar kein Kunde.
4. Reaktion
Wahrscheinlich haben sich Mitarbeiter von Kammen sofort nach unserer Anfrage unser LinkedIn Profil angesehen und sind auf unsere Webseite gegangen, um sich über uns zu informieren.
Das wäre für uns bereits ein großer Erfolg und geschieht entweder
– aus Gewohnheit
– aus genereller Neugier
– weil sie angewiesen wurden
– weil sie derzeit eine Zweitmeinung einholen möchten
– einen weitergehenden Rechtsberatungsbedarf haben.
5. Letzte Vorbereitungen
Bis zu unserem ersten LinkedIn-Gruß an die Kammen GmbH haben wir noch nichtig viel zu tun:
- Wir optimieren erneut unseren neuen Aufsatz über “Scheinselbständigkeit im Internationalen Vertrieb” und fügen weitere Beispiele aus Bauunternehmen hinzu (“Nachunternehmervertrag ändert nichts an der Sozialversicherungspflicht”). Dann übersetzen wir ihn in Englisch und platzieren beide auf unserer Mittelstandsseite. Den Link zu diesem Aufsatz bieten wir der Kammen GmbH im schriftlichen Erstkontakt an – und laden sie zu unserer Mandantenveranstaltung ein.
- Wir durchschauen das ganze Profil der Kammen GmbH nach der Andeutung arbeitsrechtlicher Bedarfe (Wir finden z.B. aktuelle Fotos von den Baumaßnahmen für eine neue Produktionshalle in Brandenburg). Das ist Stoff für einen Nebensatz im ersten Livegespräch.
- Wir suchen nach Posts von Personal- oder Rechtsabteilung. Wir finden einen Bericht über ein Recruiting Event (“builing your future”) bei derCareer Week Berlin Brandenburg 2025 der Technischen Universität Berlin. “Building your future” ist Zitatmaterial für den späteren Smalltalk.
- Alles notieren wir im CRM.
6. Zeit, Rezeption und Kontakt
Wir melden uns um 7.50 Uhr über LinkedIn. Zu dieser Zeit sind manche MitarbeiterInnen noch zu Hause und lesen dort bereits die elektronische Post. Manche von ihnen sind schon am Arbeitsplatz.
Wir gehen davon aus, dass Mitarbeitende aus HR die Meldungen aus dem LinkedIn Profil vorsortieren . Wir riskieren niemals deren Desinteresse durch allgemeine, lange, Lobhudelnde, appellative oder folgenlose Botschaften.
Ergebnis:
Zum Thema unseres Aufsatzes wurden unmittebar zu einer Zweitmeinung aufgefordert, in einer bereits angelaufenen Sache mit einem Mitbewerber. Wir rechnen uns durch dieses Intro große Chancen aus, weiter mandatiert zu werden.